Corona-Folgen |18.04.2021|11:15

Experte warnt vor "Bewegungsmangel-Pandemie"

Ingo Froböse: "Was wir Kindern und Jugendlichen aufbürden, ist besorgniserregend."

Der renommierte Sport- und Präventionsexperte Prof. Dr. Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln warnt vor den drastischen Folgen der Sporteinschränkungen durch die Corona-Pandemie. Vor allem Kinder und Jugendliche sind von der Schließung der Sportstätten betroffen, weitreichende Folgen sind bereits jetzt zu erkennen. Im FUSSBALL.DE-Interview spricht Froböse darüber, was die Politik sofort ändern muss - und wie ihm eine neue Studie große Hoffnung auf eine baldige Rückkehr des Sports macht.

FUSSBALL.DE: Herr Froböse, was bedeutet die aktuelle Situation für den Sport?
Prof. Dr. Ingo Froböse: Ich finde es höchst problematisch, dass der Sport, der sonst immer mit großer gesundheitlicher Relevanz verbunden wurde, aktuell in eine Ecke gedrängt wird. Die Politik sagt, es sei höchst gefährlich, in der aktuellen Situation Sport zu treiben. Dadurch leidet der Sport unter einem Image- und Attraktivitätsverlust. Das macht mir große Sorge. Vor allem, weil das mit in die Familie hineingetragen, und der Sport hier nun völlig anders betrachtet wird. Diese Sportabstinenz führt wiederum dazu, dass sich Kinder andere Beschäftigungen suchen. Kinder müssen spielen, doch die Spiele finden dank der Pandemie nicht mehr körperlich, sondern vielmehr digital statt.

Der Lockdown wurde beschlossen, um die Gesundheit zu schützen. Wenn man sich Ihre Ausführungen anhört, macht es eher den Eindruck, dass wir auf den Sport bezogen genau das Gegenteil bewirken.

"Die Antwort, diese Krise zu bewältigen, liegt bei den Menschen"

Froböse: Die Zahlen von gesundheitlichen Beeinträchtigungen, die aus Nichtaktivität in den letzten Jahren immer größer geworden sind, sind schockierend. Schauen wir auf die "Diabetes-Pandemie" hier in Deutschland: Täglich sterben bundesweit ca. 300 Menschen an den Folgen von Diabetes Typ 2. Diabetes ist eine klassische lebensstilbedingte Erkrankung. Dazu kommen Bluthochdruck, Übergewicht usw. - Erkrankungen, die sich hierzulande immer stärker verbreiten. Das ist für mich als Sport- und Präventionsexperte erschreckend, denn hier ist eine viel größere Pandemie unterwegs als die, die wir gerade bekämpfen. Wir erleben eine Bewegungsmangel-Pandemie mit gravierenden Folgen. Das wird unser Gesundheitssystem in den kommenden Jahren komplett überlasten. Das heißt, wir verschärfen aktuell mit der vorherrschenden Pandemie akut andere chronische Erkrankungen.

Beeinflusst regelmäßige Bewegung das Risiko, eine schwere Corona-Infektion zu erleiden?

Froböse: Das wurde lange nur vermutet, jetzt ist es aber bestätigt worden. Eine neue US-Studie belegt, dass regelmäßiger Sport das Risiko einer schweren Corona-Erkrankung bzw. eines Todes durch Covid-19 bei Erwachsenen stark reduziert. Daher gilt mein Appell erneut der Politik, die Förderung körperlicher Aktivität gerade zu Pandemiezeiten endlich in den Fokus zu rücken, statt komplett brach zu legen.

Welche körperlichen Auswirkungen machen sich bei Kindern und Jugendlichen schon jetzt bemerkbar?

Froböse: Definitiv die soziale Verarmung. Kontakte, die Kinder sonst im Sportverein geknüpft haben, werden derzeit in eine digitale Welt verlagert, während die rein körperliche Welt verloren geht. Damit einher geht die geistige Entwicklung. Wenn beispielsweise nur in Familien gelernt, gearbeitet und gelebt wird, gehen kindliche Prozesse, die üblicherweise mit Gleichaltrigen erlebt werden, verloren. Des Weiteren entstehen Aggressivitätspotentiale, die sich aus dem ständigen Aufeinandersitzen zu Hause ergeben und normalerweise ideal durch Sport abgebaut werden können. Natürlich leidet auch die gesamte Emotionalität: Freude, spielen, lachen, gewinnen. Das fehlt den Kindern ungemein und genau diese Erfahrungen müssen sie im Kindesalter machen.

Viele Eltern berichten von traurigen Kindern, denen Ausgleich, Freunde und Spaß im Leben fehlen, die der Sport ihnen sonst gegeben hat. Klingeln bei Ihnen als Experte die Alarmglocken, wenn sie sowas hören?

Froböse: Meine Alarmglocken schrillen schon ganz lange. Ich habe immer erkannt, dass Bewegung eben deutlich mehr ist und das Ansteckungsrisiko bei organisierter Bewegung, wie es im Sportverein super stattfinden kann, gegen Null tendiert. Was wir Kindern und Jugendlichen aufbürden, und welche Entwicklungsschritte ihnen dadurch fehlen, ist besorgniserregend. Ich höre von vielen Eltern, wie sehr ihre Kinder die derzeitige Situation belastet. Mit der Schließung der Sportstätten bürden wir den jungen Menschen eine große Last auf, die sie später ausbaden werden. Dementsprechend sollten die Alarmglocken in der ganzen Nation schrillen.
Fröböse: "Ich würde mir wünschen, dass sportliche Bewegung eine Stimme bekommt."

Welche Auswirkungen beobachten Sie in ihrem Umfeld, seit die Sportanstalten dicht sind?

Froböse: Ich bekomme tagtäglich Nachrichten, in denen sich viele Menschen Gedanken machen, um endlich wieder spielen zu können. Sie haben Strategien und Konzepte entworfen, viel investiert und wollen zurück in ihren Verein. Hier ist das Ehrenamt beispielhaft für viele tolle soziale Entwicklungen in Deutschland. Das Ehrenamt setzen wir gerade aufs Spiel. Wir entwurzeln es, weil wir den Ehrenamtlern ihre Tätigkeit und ihr Engagement wegnehmen. So haben wir einerseits die Kinder und Jugendlichen, die nicht spielen dürfen, andererseits auch die Ehrenamtler, denen wir ihre Heimat, ihren Lebensinhalt genommen haben. Wir lösen gerade eine ganze soziale Struktur auf. Die Vereine machen in diesem Punkt eine tolle Arbeit und für umso schlimmer empfinde ich es, dass das nicht auf der Agenda der Politik steht.

Sie sprechen es an: Nicht nur körperlich weitreichende Folgen sind zu beobachten. Auch für die mentale Gesundheit ist die sportliche Betätigung ein wichtiger Ausgleich, insbesondere für junge Menschen. Wie sehr sind Sie diesbezüglich besorgt?

Froböse: Die kindliche Entwicklung ist in den ersten sechs Jahren dadurch geprägt, dass Kinder unterwegs sind, sich bewegen, Persönlichkeitsmerkmale und das Gehirn entwickeln. Heißt: Kindliche Entwicklung muss durch Körperprägung entstehen, sonst haben wir langfristig ein Problem. Wenn man Spielen in jungen Jahren nicht lernt und Dinge wie Sieg oder Niederlage, Freund oder Feind, Respekt, Fairness oder Verantwortung nicht erlernt, ist das schlecht für die Entwicklung, denn es sind Dinge, die die Persönlichkeit prägen und Emotionen beeinflussen. Wenn diese Komponenten von Klein auf ungeschult bleiben, werden die Kinder Defizite in physischer und sozialer Entwicklung erfahren. Körperliche Betätigungen, vor allem Spielsport wie Fußball, sind dafür geeignet, soziale Werte zu erfahren, die im späteren Leben eine gesellschaftliche Relevanz besitzen. Wenn wir diese Werte im Kindesalter nicht vermitteln, werden wir später eine Generation von Individualist*innen entwickeln.

Sind bestimmte Gruppierungen von der fehlenden Bewegung besonders betroffen?

Froböse: In der heutigen Zeit werden schon in jungen Jahren chronische Erkrankungen produziert. Es gab noch nie so viele Kinder, die an Diabetes Typ 2 leiden, wie in den letzten drei bis fünf Jahren. Diese Entwicklung verschärft sich durch die Pandemie. Grund dafür ist Fehlernährung, die sich z.B. auf das Knochen- oder muskuläre System auswirkt, was sich wiederum auf alle Entwicklungsschritte ausprägt. Natürlich betrifft die Pandemie deswegen Kinder mit Leistungseinschränkung wie Adipositas, chronischer Erkrankung oder Behinderung in einem größeren Ausmaß. Wenn der Sport für diese Gruppen ausfällt, werden ihre Probleme immer größer. Grund dafür ist der schnellere Verlust ihrer Leistungsfähigkeit, denn für diese Kinder ist Bewegung eine notwendige Therapie.

Sie fordern ein umgehendes Handeln der Politik. Was muss Ihrer Meinung nach passieren?

Froböse: Die Politik sagt immer: "Jetzt muss was passieren", aber gehandelt wird kaum. Ich habe das Gefühl, dass die Bedürfnisse der Gesellschaft nicht akzeptiert werden. Ich würde mir wünschen, dass sportliche Bewegung eine Stimme bekommt. Dass die Werte, die der Sport für die Gesellschaft hat, wie im Profisport auch, beachtet werden. Und ich wünsche mir sofort eine Kampagne, die Bewegung fördert und sich für die Wertigkeit des Sports und der Gesundheit einsetzt. Damit wünsche ich mir eine völlige Umkehr der Denkweise. Wir müssen an einem Strang ziehen, sonst hat der Sport verloren. Und das darf nicht passieren!

Es führt also kein Weg an der Öffnung der Sportstätten vorbei.

Froböse: Die Antwort, diese Krise zu bewältigen, liegt bei den Menschen. Um diese Gesundheitskrise einigermaßen unbeschadet zu überstehen, ist Sport und Gemeinnützigkeit die Lösung. Die Impfung ist ein Werkzeug. Viel wichtiger ist es, das Leben und Lachen in die Gesellschaft zurückzubringen.

Autor/-in: FUSSBALL.DE

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Vereine wollen zurück auf die Sportplätze

OLK 01.03.21

Torsten Schröder vom SV Aufbau Deutschbaselitz legte einen Satz von Trikots seines Vereins auf dem Jahnsportplatz nieder. Fotos: UM

Das organisierte Sport treiben liegt seit mehreren Monaten brach. Vereine aus Kamenz und Umgebung setzten jetzt ein Zeichen dafür, dass sich das ändert.

 

 

Kamenz. Der Sportplatz an der Kamenzer Oststraße bietet normalerweise einen recht tristen Anblick – und das auch ohne Corona. Ein grauer, zerfurchter Hartplatz, ohne farbliche Akzente und schon in normalen Zeiten wenig einladend. Am vergangenen Sonntag hingegen zeigte das auch als Jahnsportplatz bezeichnete Areal unweit des Lessing-Gymnasiums ein völlig anderes Bild: Um einen roten Kern gruppierten sich, von weit oben betrachtet, Segmente in weiß, grün, blau und gelb, einige Abschnitte waren auch in sich selbst bunt durchmischt. Es handelte sich um Trikots, die von Sportvereinen oder auch von Einzelsportlern aus Kamenz und Umgebung im Laufe des Tages hier abgelegt worden waren. „Jeder, der im Laufe seiner sportlichen Betätigung am Sonntag zufällig am Jahnsportplatz vorbei kam, konnte eines seiner Trikots hier zurücklassen“, erklärt Norbert Adler Augen zwinkernd.

Denn ganz so zufällig geschah das dann doch nicht. Viel mehr hatte der SV Aufbau Deutschbaselitz, dessen Präsident Norbert Adler ist, zu einer bisher einzigartigen Aktion aufgerufen. „Die Sportler sollten zeigen, dass sie wieder zurück auf die Sportplätze, in die Turnhallen und in die Hallenbäder wollen“, erklärt er die Intention. Natürlich den geltenden Corona-Regeln entsprechend, also nicht in Gruppen und auch ohne längeren Aufenthalt auf dem Sportplatz. Eine Aktion, die auch mit dem Kreissportbund Bautzen abgesprochen war und von diesem befürwortet wurde.

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Der SV Aufbau Deutschbaselitz selbst hat bereits in Zeiten der ersten Corona-Welle viel Zeit und Hirnschmalz in die Erarbeitung von Hygienekonzepten gesteckt, die auch vom Landratsamt bestätigt wurden. „Dabei ging es unter anderem um die Festlegung von Wegen, um die Nutzung von Sanitäreinrichtungen, ausreichend Desinfektionsmittel sowie Listen zur Kontaktverfolgung“, so das hierfür verantwortliche Vereinsmitglied Simone Zieris. Auf dieser Basis habe man sogar das traditionelle Forstfest-Konzert auf dem eigenen Sportplatz mit fast 300 Gästen durchführen können.

Kurz vor Mittag hatte die mit Trikots „gepflasterte“ Fläche bereits Gestalt angenommen.

Zu den Vereinen, die sich an der Aktion beteiligten, gehörte auch der SV Einheit Kamenz in persona von Geschäftsstellenleiter Tino Röhl und Platzwart Matthias Kischkel. „Wir sind froh, dass diese Initiative ins Leben gerufen wurde, weil seit vielen Monaten der Sport im Verein ruht. Wir unterstützen auch das Ideenpapier des Kreissportbundes, wo man endlich einmal etwas Handfestes hat, wonach man sich richten kann“, betonte Tino Röhl. Dieses gemeinsam mit dem Oberlausitzer Kreissportbund erarbeitete Papier trifft Aussagen, bei welchen Inzidenzen welche sportlichen Aktivitäten möglich sein sollen: Bei Inzidenzen zwischen 50 und 100 zum Beispiel nur kontaktlose Angebote unter freiem Himmel, bei Inzidenzen unter 35 über sieben Tage hinweg auch Sportarten mit Kontakt, aber nur bis zu 20 Teilnehmern. Bei Inzidenzen unter 35 über einen deutlich längeren Zeitraum sollen demnach alle Einschränkungen wegfallen.

„Für uns ist es wichtig, von der Angst wegzukommen und den Blick nach vorn zu richten“, betont Aufbau-Präsident Norbert Adler. „Die vielen Rasenplätze stehen seit Monaten leer, die Sportler werden vom Sport Treiben abgehalten. Wir wollen die Sportplätze und Hallen wiederbeleben.“ Vielleicht gibt dann auch der Jahnsportplatz hin und wieder ein etwas weniger tristes Bild ab – nicht durch abgelegte Trikots, sondern durch sich bewegende Sportler.

https://www.alles-lausitz.de/vereine-wollen-zurueck-auf-die-sportplaetze.html


Corona-Lockdown: Sport ist nicht das Problem, sondern die Lösung

Der Breitensport muss weiter auf Lockerungen und konkrete Pläne warten, er bleibt fast komplett verboten. Das muss aufhören, es ist gefährlich und wird Leben kosten. 


Zeit Online 11. Februar 2021

Sport ist nicht das Problem, sondern die Lösung – Seite 1

Vielleicht wäre es für Sportvereine an der Zeit, eine Abteilung für Haarschnitte zu gründen. Das gäbe mehr Perspektive als das Warten auf Lockerungen. Friseure werden bald öffnen, dem Einzelhandel wurde ein Angebot gemacht. Der Sport aber wurde wieder vertröstet. Die Sportminister hatten vor dem Kanzlerin-Ministerpräsidenten-Treffen am Mittwoch vergeblich auf Lockerungen gedrängt. Eine Arbeitsgruppe wurde eingerichtet. Das ist nicht viel mehr als eine gut gemeinte Absichtserklärung, eigentlich ist es nichts. Und nichts ist nicht gut.  



Der Sport war in zwölf Monaten mit dem Coronavirus häufiger im Lockdown, als dass er geöffnet war. Dabei ist er systemrelevant. Kinder brauchen ihn, Senioren brauchen ihn, Mütter brauchen ihn. 

Für manche wird es zu spät sein

Die wirtschaftlichen, aber auch die gesundheitlichen Kosten, die der Sport-Lockdown mit sich bringt, sind mittlerweile hoch. Vor allem die beiden Enden der Alterspyramide sind betroffen. Kinder im entscheidenden Alter ihrer Persönlichkeitsentwicklung werden seit Monaten nicht von Bewegung geprägt. Sie suchen sich Alternativen, meist Tablets, Konsolen oder Smartphones. Forscher und Trainerinnen warnen seit Monaten davor, Kinder und Jugendliche an die Playstation zu verlieren.

Sie irgendwann wieder von den Vorzügen des Sports zu überzeugen wird eine enorme Aufgabe. Für manche wird es zu spät sein, es gibt biologisch nur begrenzte Abschnitte, die für die Entwicklung eines Körpers entscheidend sind.  


Und Senioren, die Sport als physische und psychische Vergreisungprävention nutzen, werden gerade immobiler und antriebsloser. Sie altern schneller, "wir produzieren gerade noch mehr Pflegebedürftige", sagt Ingo Froboese von der Deutschen Sporthochschule in Köln, "viele Menschen werden nicht austherapiert sein, weil der Reha-Sport wegfällt". 

Sport auf Abstand ist möglich

Es stimmt ja einerseits: Wer den Menschen wie in den vergangenen Wochen jeden Anlass nehmen will, sich zu begegnen, muss auch den Sport verbieten. Angesichts der Mutationen des Virus ist weiterhin Vorsicht geboten. Speziell in Städten sind die Anfahrtswege zum Training ein Problem, niemand kann die Garantie geben, dass es dort nicht zu Ansteckungen kommt. Doch wer sieht, wie zaghaft Empfehlungen an Arbeitgeber gemacht wurden, wenn es denn irgendwie geht, bitte und eventuell auf Homeoffice umzustellen, erkennt unterschiedliche Maßstäbe. Die Kosten, den Sport jetzt noch immer zu verbieten, übersteigen den kurzfristigen Nutzen.   


Sport ist nämlich auf Abstand möglich. Das haben im Sommer alle Sportarten bewiesen. Vereine und Fitnessstudios erstellten detaillierte Konzepte, machten den Sport pandemiegerecht und regelten vom unterschiedlichen Ein- und Ausgang des Geländes über den Abstand der Kabinenbänke bis zu den Jubelgesten während des Spiels alles. Die Inzidenzen blieben unten. Warum sollte das jetzt anders sein? Regeln zu befolgen ist das Prinzip des Sports.  

Die Daten liegen längst vor

Ein Anfang wäre es, würde der Sport eine Rolle in der politischen Debatte spielen. Das aber ist trotz seiner enormen gesellschaftlichen Bedeutung kaum der Fall. Dabei ist kaum zu übersehen: Die Leute wollen und müssen bald raus. Wer entgegnet, dass Joggen immer erlaubt war, dem sei ein Blick auf die krummen Laufstile empfohlen, die man in diesen Tagen beobachten kann. Nur Orthopäden freuen sich über diese Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Bewegung sollte unter Anleitung stattfinden, nur so trägt Sport zum Wohl einer Gesellschaft bei. Alleine laufen, Kondition aufbauen, ist nur die Grundlage, ist Bewegung, aber kein Sport. Der formt zudem Persönlichkeit.  

Ein Anfang wäre es, würde der Sport eine Rolle in der politischen Debatte spielen. Das aber ist trotz seiner enormen gesellschaftlichen Bedeutung kaum der Fall. Dabei ist kaum zu übersehen: Die Leute wollen und müssen bald raus. Wer entgegnet, dass Joggen immer erlaubt war, dem sei ein Blick auf die krummen Laufstile empfohlen, die man in diesen Tagen beobachten kann. Nur Orthopäden freuen sich über diese Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Bewegung sollte unter Anleitung stattfinden, nur so trägt Sport zum Wohl einer Gesellschaft bei. Alleine laufen, Kondition aufbauen, ist nur die Grundlage, ist Bewegung, aber kein Sport. Der formt zudem Persönlichkeit.  


Angesichts der Pläne der Politik wird es Trainerinnen und Vereinsvorständen allerdings angst und bange. Der Landessportbund Niedersachsen etwa schlägt vor, den Sport stufenweise zu öffnen und regulären Sport ab Ende Juli zu erlauben. Falls dann noch jemand da ist, der mitmachen will. 

"Werden eine Diabetes-Epidemie bekommen"

Die Daten, die als Entscheidungsgrundlage dienen können, liegen längst vor. 44 Prozent der deutschen Sportvereine verloren im Vorjahr Mitglieder. Mehr als die Hälfte der Vereine fürchtet in den kommenden zwölf Monaten eine existenzbedrohende Lage. In Sachsen meldeten sich vor allem Kinder und Jugendliche aus den Vereinen ab. In Bayern sagten 80 Prozent der Fußballvereine, ihre größte Angst sei es, Mitglieder und Mannschaften zu verlieren. Auch weil 96 Prozent der Schülerinnen und Schüler derzeit keinen Schulsport haben, ist ein Drittel der Kinder in der Pandemie psychisch auffällig geworden. Die Berliner Bevölkerung nahm in der Pandemie im Schnitt drei bis vier Kilogramm zu. All das trifft eine Gesellschaft, die schon vor der Pandemie zu träge war. Wir werden bald eine "Diabetes-Epidemie bekommen", sagt der Forscher Froboese.  


Welche Zahlen braucht es noch? Wer Gesundheitsprävention und den Schutz des Lebens als Argument für die Maßnahmen hernimmt, darf über die Folgen des Sport-Lockdowns nicht schweigen. Der wird das Gesundheitssystem extrem belasten. Den Sport noch viel länger geschlossen zu halten, wird Leben kosten. Nicht jetzt, aber bald. Die WHO schätzt, dass der Tod von fünf Millionen Menschen, die pro Jahr in Europa an den Folgen des Bewegungsmangels sterben, verhindert werden könnte.

Vereinsvorstände hoffen auf einen Wiedereintrittsboom nach dem Lockdown. Dafür aber muss endlich klar werden: Sport ist Teil der Lösung und nicht das Problem. Doch in Deutschland herrscht eine sportfeindliche Atmosphäre. Während das Virus am Jahresanfang in Pflegeheimen wütete, wurden Schlittenfahrerinnen schikaniert. Und Nachbarn, die Jugendliche auf Bolzplätzen meldeten, verrieten mit ihrem Anruf bei der Polizei mehr über sich als über die kickenden Kinder.

https://www.zeit.de/sport/2021-02/corona-lockdown-sport-keine-lockerungen-breitensport-verbot-gesundheit




Sportverbot im Lockdown: Der Gegner ist die Spielkonsole

Vereine verlieren Mitglieder, Alte brechen mental zusammen, Kinder schlafen nicht und fallen einfach um. Das Sportverbot im Lockdown wird der Gesellschaft lange schaden. Der Lockdown bringt die Hälfte der 90.000 Sportvereine in Not.


Zeit Online 4. Februar 2021


Das Foto im Eingang des Waldschwimmbads Rosenhöhe ist vergilbt. Michael Groß ist darauf zu sehen, eine Medaille um den Hals. Noch heute ist der Frankfurter Vorbild für jede, die sich hier im Leistungsschwimmen versucht. 1984 flog der "Albatros", wie man ihn wegen seiner Spannweite nannte, zu zwei Goldmedaillen bei Olympia in Los Angeles. Der EOSC Offenbach war sein Heimatverein. Heute zählt die Schwimmabteilung stolze 1.600 der 2.500 Mitglieder.


Normalerweise wird das Wasser von früh bis spät aufgewühlt. Kleinkinder lernen schwimmen, Schulkinder machen erste Kraulzüge, Leistungsschwimmerimmen ziehen ihre Bahnen. Zwischendurch kommen die Stammgäste zum Zug. Doch seit Monaten ruht die Oberfläche stundenlang spiegelglatt. Außer den wenigen Athleten aus den Landeskadern bewegt sich niemand im Wasser. 

Matthias Wörner, der Vorsitzende, der in seiner Karriere "immer nur die Füße von Michael Groß gesehen hat", tut diese Ruhe weh. Die politischen Verordnungen in der Pandemie will der 57-Jährige nicht kritisieren. Darauf hinweisen, was der Lockdown anrichtet, will er schon. "Unsere Talente hatten wir nach dem ersten Lockdown gerade wieder eingefangen", sagt er. "Doch viele sitzen jetzt wieder bis vier Uhr nachts an der Spielkonsole, schauen Netflix und Disney Plus – und finden das besser, als mit müden Armen aus dem Becken zu steigen." 

Genauso sorgt sich Wörner um die älteren Mitglieder, die körperlich so schwach sind, dass sie nur noch in der Schwerelosigkeit des Wassers Sport treiben könnten. "Sie tun mir hochgradig leid." Die Schwimmstunde war für mindestens gut sechzig Stammgäste nicht nur Ritual, sondern oft einzige Begegnungsstätte. Der Plausch am Beckenrand ist wichtig. Diese Leute habe er bereits im Frühjahr "körperlich und mental in sich zusammenbrechen" sehen, sagt Wörner. Ob sie wiederkommen? 


Ist Gefahr im Verzug, wenn das Sportverbot vor allem die Schwächsten trifft: die Jüngsten und die Ältesten – zwei Gruppen, die aus verschiedenen Gründen das Miteinander dringend benötigen? 

Der Lockdown trifft den Breitensport, eine mächtige Stütze der Gesellschaft, über die selten geredet wird. Rund 27 Millionen Mitglieder finden gemäß einer Zählung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) in den Sportvereinen eine Heimat, jeder dritte Bundesbürger. 

Sport ist Motor für Integration und Inklusion

Alfons Hörmann kennt alle Probleme. Bildlich gesprochen herrsche gerade an vielen Stellen Bewegungslosigkeit, sagt der Präsident des DOSB. Der Verband hat die 8. Welle des Sportentwicklungsberichts zur Covid-19-Thematik mitgefördert, die im vorigen Monat von der Deutschen Sporthochschule Köln veröffentlicht wurde. Dazu wurden mehr als 20.000 der rund 90.000 Sportvereine in Deutschland befragt. Das bedrückende Ergebnis: Demnächst erwartet jeder zweite Verein in den kommenden zwölf Monaten eine existenzbedrohende Lage. 



"Besonders problematisch ist, dass die Einschränkungen immer länger und länger dauern", sagt Hörmann zu ZEIT ONLINE. "Viele professionell aufgestellte oder von hohem ehrenamtlichem Engagement profitierende Vereine begegnen den Einschränkungen mit Kreativität und Einsatz. Viele kleinere Vereine reduzieren die Ausgaben drastisch und leben von ihren Rücklagen. Doch es geht nicht nur ums Geld. Wir fürchten, viel mehr zu verlieren." 

Der Lockdown gefährde auch das, sagt Hörmann, was die Vereine an Werten vermittelten: soziale Kontakte, Gesundheit und Lebensfreude. "Unsere Gesellschaft hat sich daran gewöhnt, dass der Sport Motor für Integration und Inklusion ist, einen gesunden Lebensstil vermittelt oder Kinder und Jugendliche in schwierigen Phasen ihres Lebens stabilisiert und für ihr Leben teamfähig macht. Auf all diese wichtigen Beiträge des Sports muss unser Land derzeit verzichten." 


Nicht zu schweigen vom sportlichen Stillstand. "Es gibt den Begriff des goldenen Lernalters, das für das Beherrschen einer Sportart besonders wichtig ist" sagt Hörmann. "Wenn ein Jahr ausfällt, ist das nicht oder nur mit viel Aufwand später auszugleichen." Grundsätzlich trage man als "größte Bürgerbewegung des Landes" die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung mit, doch "vermisst haben wir an mancher Stelle denkbare Ansätze, die den Sport nicht als Problem, sondern als wertvollen Teil der Lösung sehen". 



Was ehrenamtliche Funktionärinnen und engagierte Übungsleiter zermürbt: auf einer Stufe mit Spaßbädern oder Bordellen als nicht systemrelevant abqualifiziert zu werden. Denn welche Folgen aus dem überwiegend stillgelegten Amateursport entstehen, zeigt sich jetzt. Der DOSB warnt vor "massiven und teilweise irreparablen Schäden an unserem Sportsystem". 

Diese Sorge wird gestützt von einer Studie des Universitätsklinikums Münster, wonach der Medienkonsum der Jugendlichen enorm gestiegen ist. Etwa 45 Prozent hatten zuletzt eine tägliche Bildschirmzeit von mehr als acht Stunden – darunter fallen TV, Konsole, Computer und Smartphone. Das Homeschooling funktioniert oft nur über digitale Geräte. Problematisch wird es, wenn der körperliche Ausgleich fehlt. Gerade kleine Kinder machen schnelle Rückschritte, die die Motorik berühren. 

Viele Vereine vermissen zudem eine Öffnungsperspektive. Denn auch die besten Onlineangebote ersetzen nicht den Sport auf dem Platz, in der Halle und mit anderen. "Je länger Vereine ihrem Zweck nicht nachkommen, desto schwächer wirken sie als stabilisierendes Element der Gesellschaft", sagt Christoph Breuer, der Leiter der Kölner Studie. "Es geht sozialer Kitt verloren, der gerade in einer individualisierten Zuwanderungsgesellschaft von Bedeutung ist. Das trifft die gesamte Gesellschaft." 


Nur Teile der Politik sind sich des Problems bewusst. Die Vorsitzende des Bundestagssportausschusses, Dagmar Freitag (SPD), regt an, dass das Bundesgesundheitsministerium zum Ende der Pandemie eine Kampagne mit dem Ziel ins Leben ruft, Menschen zu einem Vereinseintritt zu ermutigen. Denn Sport sei "mehr als nur ein bisschen Spiel und Spaß".  

Kosten die Machtspiele in der DFB-Zentrale zu viel Kraft?

Wenn fast jeder zweite Verein einen Mitgliederrückgang beklagt, bricht etwas weg: das Wir-Gefühl einer Gemeinschaft. Der klassische Dorfverein hat vielleicht weniger Kündigungen zu fürchten, weil persönliche Bindung besteht. Doch viele Großvereine, die sich dienstleistungsorientiert mit Kursangeboten aufgestellt haben, leiden vermutlich auf Dauer. 


Auch den Volkssport Fußball trifft es, dessen Profis als erste das Privileg zur Wiederaufnahme des Spielbetriebs erhielten. Nach einer Umfrage im Bayerischen Fußballverband geht mehr als die Hälfte seiner Vereine davon aus, dass die Corona-Krise nachhaltige Schäden verursacht. Neben fehlenden Einnahmen ist die Hauptsorge, dass Kinder und Jugendliche an die Spielkonsole verloren gehen. 

Schon ist im Fußball die Rede von einer "Generation C" (für Corona), die diesen Ballast lange mit sich herumschleppen wird. Fritz Keller, der DFB-Präsident, plädiert vorsichtig für eine bundesweite Sonderregel wie in Berlin. Dort sind Lauf- oder Passübungen für Kinder unter Anleitung möglich. Doch sonst ist nicht viel zu hören aus Frankfurt. Kosten die Machtspiele in der DFB-Zentrale zu viel Kraft und Zeit?

Zuletzt äußerte sich Hermann Winkler, der Präsident des Sächsischen Fußball-Verbands, in der Sächsischen Zeitung: "Was wir vermissen, ist eine klare Linie in der Politik. Die Unlogik und die Unverhältnismäßigkeit vieler Maßnahmen verschaffen keine Akzeptanz, geschweige denn eine Motivation in den Vereinen. Das Verbot jeglichen Vereinssports für Kinder und Jugendliche ist falsch. Ein Leben ohne Sport und Kultur macht die Gesellschaft kränker als die Pandemie selbst." 


 Genau davor sorgt sich der ehemalige Teamarzt der US-Nationalmannschaft unter Jürgen Klinsmann, Dr. Kurt Mosetter, der mit Ralf Rangnick den medizinischen Bereich von RB Leipzig aufgebaut hat. "Der Sportunterricht an den Schulen sieht in diesen schwierigen Zeiten sehr mager aus. Oft kommt auch der Schwimmunterricht zu kurz." Und wer mehr Zeit am Laptop oder Handy verbringe, "kann zu einer unkontrollierten, ungesunden Ernährung neigen", sagt Mosetter. "Der innere Rhythmus geht verloren." Aus diesem Teufelskreis gibt es kaum ein Entrinnen. 

Womöglich zieht Deutschland eine inaktive Generation heran. Hatte ein Zehnjähriger im Jahr 1990 noch rund 25 Stunden Sport und Bewegung pro Woche, weil er mit dem Fahrrad zur Schule fuhr, in der Schulpause kickte und nachmittags im Freien spielte, sind es heute maximal zehn. Die Weltgesundheitsorganisation WHO stellte in einer Studie fest, dass sich in Deutschland knapp 80 Prozent der Jungen und 88 Prozent der Mädchen sportlich zu wenig bewegen. Und das war vor der Pandemie. 

Hat die Politik eine Strategie?

 "Deshalb braucht es oft keinen Arzt, der Kinder gesund macht, sondern Bewegung und Sport", sagt Mosetter. Seine Beobachtungen alarmieren. "Wir sehen jetzt schon, dass Kinder überfordert sind, dass ihnen die Angst im Körper steckenbleibt. Erste Kinder fallen einfach um, sie bauen Stresshormone nicht mehr ab. Wenn sie in ihrem Handlungs- und Bewegungsspielraum und Selbstausdruck isoliert sind, fehlt das Ventil. Einige Kinder haben Schlafstörungen, sind morgens todmüde, andere wollen sich nicht mehr waschen. Das sind keine Einzelfälle." Noch sei es nicht zu spät, sagt Mosetter. "Aber wenn wir nichts tun, können manifeste Erkrankungen entstehen." 


Aus seiner Sicht könne man von der Schweiz lernen. Da gehen Kinder meist im Wechselunterricht zur Schule und machen Sportunterricht draußen. "Mein Vorschlag wäre, dass sich hierzulande die Vereine oder Fitnessstudios engagieren: Übungsleiterinnen und Trainer können mit den Kindern und Jugendlichen einen Waldlauf, Kniebeugen oder Liegestütze machen, in kleinen Gruppen im Freien trainieren. Auf jeden Fall sollte man ein Signal setzen: Wir tun was für die Bewegung. Offensichtlich aber haben der Staat und das Bildungsministerium dies nicht auf dem Radar." 

Der Freiburger Kreis, die Interessenvertretung der 180 größten deutschen Amateur-Sportvereine, stimmt zu. Alle Sportangebote zu verbieten, sei nach fast einem Jahr Pandemie nicht zeitgemäß. "Die Strategie kann nicht sein, zu warten, bis alle geimpft sind." 

 Umso wichtiger ist, dass Vereine wie der EOSC Offenbach überleben. Matthias Wörner kann wenigstens an diesem Punkt Entwarnung geben. Zum einen bleiben die Mitglieder treu. Zum anderen kommt für die Unterdeckung der Betriebskosten, die sich pro Jahr auf bis zu 200.000 Euro belaufen können, die Stadt Offenbach auf. Mit den Behörden, die um den integrativen Wert des Vereins wissen, ist er in Kontakt. Weil alle den Tag kaum erwarten können, an dem das Wasser von morgens bis abends wieder in Unruhe versetzt wird.

https://www.zeit.de/sport/2021-02/sportverbot-lockdown-corona-krise-kinder-gesundheit-vereine-psyche-dosb/seite-3

SZ PLUS 21.01.2021

„Lockdown produziert die Kranken der Zukunft“

Der Sportwissenschaftler Ingo Froböse warnt vor dramatischen Folgen der Corona-Einschränkungen für die Gesundheit. Was er fordert. Ein Gespräch. Ingo Froböse ist Sportwissenschaftler an der Deutschen Sporthochschule Köln und Experte für Präventions- und Rehabilitationswissenschaften. 

Früher war Ingo Froböse selbst mal Spitzensportler und gewann bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften 1981 über 100 Meter die Silbermedaille. Jetzt ist der inzwischen 63-Jährige Professor für Prävention und Rehabilitation und leitet das wissenschaftliche Zentrum für Gesundheit durch Sport an der Deutschen Sporthochschule Köln. Im Interview mit der Sächsischen Zeitung spricht Froböse über die gesundheitlichen Konsequenzen des Corona-Lockdowns, der auch das gemeinschaftliche Sporttreiben verbietet.


Herr Professor Froböse, der Corona-Lockdown dauert immer länger und wird weiter verschärft. Sporttreiben ist in der Diskussion derzeit eher negativ besetzt und wird immer schwieriger. Wie ist Ihre Meinung als Gesundheits- und Präventions-Experte dazu?


Ich finde es dramatisch, was gerade passiert. Im vergangenen Jahr waren es schon drei Monate, in denen Sport und Bewegung weitgehend eingeschränkt wurden. Jetzt sind es seit dem 2. November schon wieder bald vier Monate, und ein Ende ist nicht abzusehen. Wir produzieren die Kranken der Zukunft und provozieren Entwicklungsdefizite bei Kindern.

Sind die Einschränkungen aus Gründen des Infektionsschutzes nicht gerechtfertigt?

Solange wir nicht genau wissen, wo die Erkrankungen genau herkommen, können wir auch nicht pauschal ganze Bereiche schließen. Jeder weiß, dass körperliche Aktivitäten gut für das Immunsystem sind. Warum ist es nicht möglich, Tennis in der Halle ohne jeden Körperkontakt zu spielen, wenn nur jeder zweite Platz besetzt und Duschen geschlossen werden? Warum kann man im Fußball nicht Trainingsformen ohne Körperkontakt nutzen, um Technik und Taktik zu schulen? Warum darf Reiten nicht stattfinden? Individuelles Sporttreiben wie Joggen oder mit Abstand Fahrradfahren ist doch komplett möglich. Auch die Fitnessstudios haben ihre Hausaufgaben in Sachen Infektionsschutz gemacht. Die Gefahr entsteht nicht in erster Linie beim Sporttreiben, sondern bei den Wegen zum Sport. Es ist doch viel gefährlicher, wenn viele Personen dicht an dicht im Bus oder in der U-Bahn stehen, als wenn sie unter Beachtung aller Abstandsregeln Sport treiben.

Welche Folgen erwarten Sie durch das Sportverbot?

Ich habe dazu schon mehrere Gutachten geschrieben. Wir produzieren damit vulnerable Gruppen. Es gibt zum Beispiel Untersuchungen zum Gewichtszuwachs in der Pandemie: In Berlin sind es durchschnittlich drei bis vier Kilogramm pro Person. Mindestens genauso dramatisch ist der Verlust motorischer Entwicklungsschritte bei Kindern. Für Wachstumsprozesse und die Entwicklung bestimmter kognitiver Fähigkeiten braucht es Bewegung. Um zum Beispiel das Knochenwachstum anzuregen, müssen Kinder springen und hüpfen. Aber die Schulen sind geschlossen, und selbst, als sie noch geöffnet waren, gab es weitestgehend keinen Sportunterricht. Da wurden pauschal mit dem Rasenmäher Maßnahmen erlassen, ohne nachzudenken. Dabei bleiben die Kinder genauso auf der Strecke wie zum Beispiel rund 800.000 geistig Behinderte in Deutschland, die körperliche Bewegung brauchen, um ihre Emotionen auszuleben.Spielplätze geschlossen, Vereinssport verboten – die Corona-Maßnahmen schränken das Bewegungsangebot massiv ein. Zu pauschal sei das, lautet die Kritik. 

Wie schätzen Sie die psychischen Folgen ein?

Die psychosozialen und vegetativen Folgen sind gewaltig. Sport ist eines der wichtigsten Stressventile. Wenn Sport nicht stattfinden kann, wird der Stress nicht abgebaut. Das führt zum Beispiel zu mehr Aggressionen in Familien.

Wenn der Sport für die soziale Stabilität und auch die Immunabwehr so wichtig ist, warum spielt dieser Aspekt in der öffentlichen Diskussion derzeit offensichtlich gar keine Rolle?

Momentan wird alles von einer kleinen Gruppe von Virologen und Intensivmedizinern dominiert. Der Deutsche Olympische Sportbund spielt in der Diskussion dagegen keine Rolle genau wie wir Experten für Sport und Prävention. Das ist ein Skandal! Aber man braucht sich darüber nicht zu wundern: Politiker wie Olaf Scholz, Peter Altmaier oder Karl Lauterbach haben keinen richtigen Bezug zum Sport.

Der Profisport wie die Fußball-Bundesliga aber darf stattfinden. Richtig so?

Das läuft nach der Strategie Brot und Spiele. Schauen dürft ihr, aber nicht selbst spielen. Dabei ist doch zum Beispiel die derzeit laufende Handball-WM mit all den ganzen Corona-Fällen eine echte Farce. Über die Wertigkeit des Sports für die Gesundheit spricht momentan niemand. Dabei ist Prävention durch Sport die einzige Chance, um die galoppierenden Kosten des Gesundheitssystems in den Griff zu bekommen. Man könnte in der derzeitigen Lage auch sehr gut darüber aufklären, wie man mit einer gesunden Ernährung das Immunsystem unterstützen kann. Stattdessen wird die Impfung zum einzigen Ausweg aus der Pandemie hochstilisiert. Immer unter dem Motto: Du wirst dick, dumm und gefräßig, aber musst nichts tun. Ich werde mich auch impfen lassen, aber Medikamentierung kann nicht die einzige Lösung sein.

Haben Sie schon einmal eine solche sportfeindliche Phase erlebt?


Noch nie. Wir sind momentan nur noch ein Land der Wirtschaft. Das Ehrenamt bleibt auf der Strecke. Die Vereine verlieren viele Erwachsene und Kinder. Und die werden nicht mehr zurückkommen, weil sie andere Optionen in der Online-Welt gefunden haben. Die Sportstätten verlieren ihre Wertigkeit, weil sie als angebliche Krankheitsfortschreiber zu Unrecht negativ stigmatisiert werden und somit die Relevanz verlieren. Das wird auch in Sachen Finanzierung künftig schwierig, weil Sportstätten in der Wertigkeit der Politik und der Kommunen nach hinten gerückt sind. Das alles ist kontraproduktiv für unsere Zukunft.


Das Interview führte Lars Becker.

https://www.saechsische.de/coronavirus/sport-allgemein-gespraech-ingo-froboese-corona-folgen-5362100-plus.html





SZ PLUS 13.01.2021 

Kindersport-Verbot soll kippen

Der Corona-Lockdown trifft auch den Sport. Landessportbund und die Teamsport-Initiative drängen, dass der Nachwuchs wieder trainieren darf.

 Der Schnee brachte zumindest etwas Bewegung in den Corona-Alltag. Schrittweise soll nun das Training wieder beginnen.


Leipzig. Der Wintereinbruch dieser Tage kam genau richtig. Schneemann bauen und Schlitten fahren brachten den Kindern kurzzeitig Bewegung und vor allem Abwechslung inmitten des Lockdowns, der neben der Schularbeit zu Hause auch ein striktes Sportverbot vorsieht. Training selbst in Kleingruppen ist seit 1. November in Sachsen untersagt – ausgenommen Profisport.


Vereine wie der Handball-Bundesligist DHfK Leipzig oder die Fußballer von Dynamo Dresden, die sich seit Pandemie-Beginn mit 19 weiteren Vereinen in der Initiative „Teamsport Sachsen“ zusammengeschlossen haben, setzten dann Mitte Dezember aufgrund der prekären Corona-Lage im Freistaat auch das Training ihrer Nachwuchsleistungszentren aus. „Dieser große Einschnitt für die Ausbildung und Leistungsentwicklung war notwendig und richtig“, erklärt Karsten Günther, Sprecher der Initiative und DHfK-Manager.


Nun macht der Sport wieder mobil und plant für Montag die Rückkehr in den Trainingsbetrieb, wie Günther verdeutlicht: „Das ist dringend notwendig, wir haben eine Verpflichtung gegenüber den Athleten. Wir werden allerdings kein Risiko eingehen, sondern streben einen maßvollen, der Lage angepassten Beginn an.“

"Wertvolle Konzepte für den Wiedereinstieg"

Bedeutet konkret: Unter Berücksichtigung der sächsischen Corona-Schutz-Verordnung soll in den Nachwuchsleistungszentren zunächst ab Altersklasse U 15 wieder trainiert werden. Dabei hat sich die Teamsport-Initiative auf ein Konzept verständigt, das pro Woche zwei Corona-Schnelltests und eine Reduzierung der Trainingsgruppengröße vorsieht. Die Kosten trägt jeder Verein selbst. 

Mit dem in Sachsen für den 8. Februar geplanten Schulstart sollen weitere Altersklassen folgen – und dann, so hofft man nicht zuletzt beim Landessportbund (LSB), zeitnah alle wieder trainieren. Corona-konform, wie Verband und Vereine betonen, also in Kleingruppen verbunden mit Hygiene-Richtlinien.

https://www.saechsische.de/sport/initiative-teamsport-sachsen-training-nachwuchs-kinder-jugendliche-sport-5357172-plus.html

 Sächsiche Zeitung  07.01.2021 

Deutschlands Sportchef klagt über Sippenhaft im Lockdown

Der verlängerte Lockdown stellt den organisierten Sport vor neue Herausforderungen, Ängste und Sorgen. Was DOSB-Präsident Hörmann fordert.

 Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, hat noch Hoffnung, dass 2021 ein gutes Jahr für den Sport werden könnte - trotz des Lockdowns. 

Berlin. Mit jeder Verlängerung des Lockdowns und der Corona-Restriktionen werden die Probleme des organisierten Sports und der Unmut bei vielen Verbänden über den verordneten Stillstand größer. „Der massenhafte Ansturm auf die Skigebiete rund um den Jahreswechsel zeigte doch gerade, wie sehr die Menschen nach Bewegung und Ablenkung gieren. Niemand lässt sich monatelang einfach einsperren, die Menschen brauchen den Sport“, sagte der neue Präsident des Deutschen Schwimm-Verbandes, Marco Troll.


Deshalb fordert er die Politik auf, den Mehrwert des Sports zur Bewältigung der Pandemie mehr zu schätzen, ihn einzubinden und nicht lahmzulegen. „Der Sport ist ja bekannt für verlässliche Organisation und Disziplin, er hat deswegen mehr Vertrauen verdient. Der Sport muss als Teil der Lösung gesehen werden, nicht als Teil des Problems“, betonte Troll.

„Keine Zeit für Halbherzigkeiten“

„Die Maßnahmen, die wir beschlossen haben, sind einschneidend. Sie sind härter“, hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Dienstag zur Verlängerung des Lockdowns bis 31. Januar gesagt. Neue Gefahr brächten auch die ansteckenderen Virus-Mutationen. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) hatte auch deshalb gemahnt, es sei „keine Zeit für Halbherzigkeiten“.

Schwimm-Präsident Troll indes sagte, zahlreiche Hygienekonzepte hätten gezeigt, „dass wir mit dem strukturierten Ausbildungs- und Trainingsbetrieb unserer Vereine die Ansteckungsgefahr so gering wie möglich halten können“. Troll ist seit November Chef im fast 600.000 Mitglieder starken Verband. Wegen der Verantwortung gegenüber den Vereinen wolle sich der Dachverband „noch verstärkter für eine verantwortungsvolle Öffnung der Bäder einsetzen“, sagte er. Gerade in Schwimmbädern sei durch Chlor, Wasseraufbereitung, hohe Luftfeuchtigkeit und Wärme bei Einhaltung von Hygiene- und Abstandsregeln das Risiko sehr gering.

 
Abgesperrt: Die Sportstätten in Deutschland sind bis auf Weiteres für den Amateur- und Breitensport nicht nutzbar. 

Auch im Deutschen Olympischen Sportbund wächst nach Fortschreibung des Lockdowns bis mindestens Ende Januar die Furcht vor einer Beschädigung des auf der Welt einmaligen Sportsystems. „Die harte Bewährungsprobe für Sportvereine, Ehrenamtliche und die 27 Millionen Mitglieder setzt sich im neuen Jahr leider fort“, sagte DOSB-Präsident Alfons Hörmann. Sportdeutschland sei „auf unabsehbare Zeit, aber mit klar absehbaren negativen Folgen weiterhin zum Stillstand verurteilt“.

Zugleich appellierte er aber ebenso „an die Sportfamilie, die aktuellen Maßnahmen solidarisch mitzutragen sowie die wertvolle persönliche Fitness und die wichtige Vereinstreue aufrechtzuerhalten“. Oberstes Gebot sei es, „die Krankenhäuser soweit am Laufen zu halten, dass die Pandemie einigermaßen beherrschbar ist“, so Hörmann gegenüber sportschau.de: „Und da ist der Sport ebenso sozusagen in einer gewissen Form von Sippenhaft wie auch die Kultur oder andere Bereiche.“ 

Der 60-Jährige stellte aber auch Forderungen an die Politik: „Wenn wir schon nicht Sport treiben dürfen, dann hoffen wir sehr auf schnelle, praxisorientierte Hilfe, auch im monetären Sinne. Weil wir andernfalls Sport-Deutschland in wenigen Monaten nicht mehr wiedererkennen werden.“

DOSB befürchtet hohen Mitgliederrückgang

Die Auswirkungen der Corona-Krise reichen von der Insolvenzgefahr für Proficlubs bis zu Mitgliederschwund und Nachwuchssorgen der Amateurvereine. So nannten 79,4 Prozent der befragten bayerischen Vereinsfunktionäre den Wegfall oder Verlust von Kindern und Jugendlichen für den Fußball als größtes Problem im strukturellen Bereich. Dies geht aus einer Umfrage hervor, die der Bayerische Fußball-Verband in Auftrag gegeben hat. Zwischen dem 2. und 15. Dezember 2020 wurden 1.664 Clubverantwortliche in Bayern befragt. Wegen des zweiten Lockdowns ist kein Spielbetrieb möglich.

Der DOSB, unter dessen Dach 27 Millionen Mitglieder in etwa 90.000 Vereinen organisiert sind, schließt einen Mitgliederrückgang von zwei bis drei Millionen – je nach Entwicklung der Corona-Lage – nicht aus. Außerdem könnten laut DOSB möglicherweise eine Million Ehrenamtliche verloren gehen. Schon im Dezember hatte Hörmann gemahnt: „Von Woche zu Woche wird die Not eine größere.“

Große Hoffnungen setzt der deutsche Sportchef auf die Ende 2020 gestarteten Impfungen. Wenn dadurch ab Sommer wieder Zuschauer in Hallen und Stadien könnten, und es bis Jahresende „wieder gelingt, in den Zustand vor der Pandemie zurückzukehren“, könnte 2021 doch noch ein gutes Jahr werden. (dpa)

https://www.saechsische.de/sport/sport-dosb-alfons-hoermann-deutscher-olympischer-sportbund-marco-troll-schwimmen-ehrenamt-5353187-plus.html

Deutschland vor der Bewegungs-Insolvenz

Welt+ 01.01.2021 von Christoph Cöln Redakteur
   

Lockdown-Folgen: „Schon nach einer weitgehenden Inaktivität von sieben bis zehn Tagen lässt die körperliche Leistungsfähigkeit um 20 bis 30 Prozent nach“, sagt ein Sportmediziner.

Sportplätze geschlossen, Hallen verriegelt. Gerade für die Älteren bedeutet der Lockdown eine enorme Gefahr. Ohne Sport verliert der Körper rasant an Leistungskraft. Experten warnen eindringlich vor den Folgen für die Gesundheitssysteme.

Beim Sport ist Johanna Quaas schon lange nicht mehr gewesen. „Wie denn auch?“, sagt die 95-Jährige am Telefon. Bis zu fünfmal in der Woche ging sie früher zum Turnen, Pilates, Hot Yoga oder Tai-Chi. Das war vor der Pandemie. Das Einzige, das ihr nun geblieben ist, sind die kurzen Fahrradtouren zum Supermarkt und gelegentliche Gymnastikübungen auf dem Balkon. Die Turnhalle hat sie gefühlt eine Ewigkeit nicht mehr von innen gesehen. Hallen und Sportplätze sind geschlossen, zu hoch ist die Ansteckungsgefahr. „Es ist schon nicht einfach“, sagt sie. Der Sport fehlt ihr, und noch mehr die Menschen, die sie dabei trifft.
 
Quaas ist nur eine von rund 27 Millionen Breitensportlern in Deutschland, denen es so geht. Das Coronavirus hat sie zur Untätigkeit verdammt. Das könnte langfristig fatale Folgen haben. Der Freiburger Kreis, die Interessenvertretung der größten Sportvereine in Deutschland, schätzt, dass dem organisierten Sport durch die Corona-Krise schon im kommenden Jahr rund drei Millionen Mitglieder fehlen werden. Während für Profi- und Leistungssportler viel getan wird, um Ligabetriebe oder zumindest sichere Trainingsmöglichkeiten zu gewährleisten, sitzen die Amateure zu Hause fest und bewegen sich zum Teil kaum noch. Dabei ist regelmäßige Bewegung gerade für den betagten Körper lebenswichtig.
   
„Ältere Menschen brauchen kontinuierlich körperliche Bewegung, ihre Systeme fahren viel schneller herunter“, sagt der Sportmediziner Hans-Georg Predel von der Deutschen Sporthochschule in Köln (DSHS), „Leistungsabfall und Muskelabbau machen sich bei ihnen schneller bemerkbar als bei jüngeren Bevölkerungsgruppen.“

„Ich bin tief besorgt“

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt ein minimales Bewegungspensum von zweieinhalb Stunden pro Woche. Corona bedeutet in dieser Hinsicht eine tiefgreifende Zäsur. „Schon nach einer weitgehenden Inaktivität von 7 bis 10 Tagen lässt die körperliche Leistungsfähigkeit um 20 bis 30 Prozent nach“, gibt Sportmediziner Predel zu Bedenken.

Und der Shutdown dauert nun schon fast zwei Monate – für manche Bereiche des Sports, wie etwa den Schwimmsport mit der bereits seit Monaten andauernden Schließung der Bäder, teilweise schon länger. „Gerade leistungsorientierte Masters-Athleten brauchen das regelmäßige Training, sonst bricht ihr Leistungsniveau zum Teil dramatisch ein“, so Predel. „Was diese Gruppe der Sportler betrifft, bin ich tief besorgt.“
Zu dieser Gruppe gehört auch Dieter Wolf. Der 83-Jährige von der TSV Bayer Dormagen ist mehrfacher Welt- und Europameister im Steinstoßen, einer Spezialdisziplin des Rasenkraftsports, bei der Steine bis zu 50 Kilo schwere Natursteine geworfen werden. „Ich war topfit und wollte dieses Jahr eigentlich noch ein paar Rekorde holen“, sagt Wolf, „aber es ist ja alles abgesagt worden.“

Auch die sozialen Auswirkungen sind gravierend

Das Wettkampfjahr war für die meisten Masters-Athleten ein Totalausfall. Wegen Corona fielen in manchen Sportarten sämtliche Meisterschaften aus. David Deister, Masters-Beauftragter des Deutschen Leichtathletikverbands (DLV), spricht von einer herausfordernden Situation: „Gerade unsere älteren Athleten brauchen eine Struktur, einen Rhythmus, den sie vor allem im Sport finden. Und diese Struktur geht zurzeit verloren, denn es findet kein Vereinstraining statt, keine Wettkämpfe.“
Die Konsequenzen sind vielfältig. Nicht nur die körperlichen Folgen machen den Athleten zu schaffen, auch die sozialen Auswirkungen der monatelangen Quarantäne sind gravierend. „Den Senioren fehlt das Ziel und der Sinn“, so Deister. „Es geht auch vollkommen das soziale Miteinander verloren, das der Sport bietet. Und vergessen wir nicht, den Wettkämpfern wird ihr Wetteifermotiv genommen.“
 
Wie wichtig das Wetteifern nicht nur für die Motivation der älteren Sportler ist, sondern auch für das Verhindern schwerer Krankheiten, das betont Eva-Marie Kessler von der Medical Business School Berlin (MBS). „Für die Prävention von kognitiven Abbauprozessen kann Bewegungsmangel verheerend sein, denn wenn etwas effektiv zur Vorbeugung von Demenz beitragen kann, dann ist es körperliche Aktivität. Sport ist in dieser Hinsicht auch wirkungsvoller als kognitives Training, das zeigen zahlreiche Studien.“ 

Die Gerontopsychologin verweist darauf, dass im Laufe der Pandemie Einsamkeit unter den älteren Menschen im Durchschnitt zugenommen habe. Kessler kritisiert in der Berichterstattung zur Pandemie die „Wiederkehr des einseitig-negativen Bildes älterer Menschen als Schwache, Schutz- und Hilfsbedürftige“. Ältere würden nur noch mit dem Label „Risikogruppe“ versehen, ihre tatsächlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten häufig ausgeblendet. Sie verweist darauf, dass diese Gruppe vielfach über eine ausgeprägte Resilienz verfügt. 
„Die vielen körperlichen Einschränkungen und Verluste, die wir mit zunehmendem Alter feststellen, führt für die Mehrheit älterer Menschen nachweislich nicht zu geringerer Lebenszufriedenheit. Diesem sogenannten Wohlbefindensparadoxon liegt die Fähigkeit zugrunde, sich auf eine Handlungsoption zu konzentrieren, sich zu fokussieren und Prioritäten zu setzen, um die negativen Folgeerscheinungen von körperlichem Abbau zu kompensieren“, so Kessler. „Diese Prioritätensetzung gelingt älteren Menschen besser.“

So wie Steinstoßer Wolf. Er versucht, aus der Not eine Tugend zu machen und betreibt seit Monaten nur noch Krafttraining im Keller seines Hauses. „Ich bin so stark wie lange nicht mehr“, sagt der 84-jährige. Einen Stein hat er mit seiner Trainingsgruppe aber lange nicht mehr geworfen. Sportmediziner Predel sieht diese Entwicklung mit Sorge: „Es ist auch nicht damit getan, den Leuten zu sagen, sie sollen doch in den Wald laufen gehen. Nein, die brauchen ganz gezielt das Training, besonders in der Gruppe, das Muskel- und Koordinationstraining, um ihr Leistungslevel zu halten.“

Verbände hoffen auf ein Signal der Politik

Auch Ute Blessing, beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) für den Sport der Älteren zuständig, weiß um die Gefahren, die aus den enormen Einschränkungen für die Senioren resultieren: „Die Gruppe der Senioren ist zwar insgesamt sehr fit, aber ihre Abwehrkräfte werden ganz wesentlich durch den Sport gestärkt. Wenn die Möglichkeiten zum Sport nun nicht mehr gegeben sind, kann das gesundheitliche Folgen haben. Es droht uns nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine Bewegungsinsolvenz.“ Die Folgen dieser Insolvenz würde das Gesundheitssystem erst in einigen Jahren zu spüren bekommen. Aber sie wären vermutlich dramatisch.
Umso mehr hoffen die Verbände auch auf ein Signal der Politik, den Breitensport bei allen momentanen Schwierigkeiten nicht zu vergessen. „In dieser Pandemie steht der organisierte Sport nicht infrage, er ist Teil der Antwort“, sagt David Deister vom DLV. Was nach wie vor fehlt, ist eine realistische Perspektive für die Wiederaufnahme des Wettkampfbetriebs. „Wir hoffen natürlich darauf, dass man im Frühjahr zumindest schon wieder draußen Sport machen kann, aber das weiß aktuell niemand“, sagt Ute Blessing. „Ab Mitte Januar wird sich abzeichnen, ob wir im Sommer dann auch wieder Wettkämpfe und Meisterschaften durchführen können.“
Solange sitzen betagte Mastersathleten wie Quaas und Wolf zu Hause still und warten. Darauf, dass der Fluch des Virus verschwindet. „Manchmal, wenn ich so allein in meinem Keller sitze, fühl ich mich ein wenig verloren“, sagt Wolf. Der Kraftsportler gibt zu: „Dann verdrücke ich auch schon mal das ein oder andere Tränchen.“

Link:
https://www.welt.de/sport/plus223415748/Das-Leiden-der-Alten.htm

Folgen der Corona-Krise für Gesundheit und Sport

Prof. Dr. Susanne Tittlbach, Professorin für Sozial- und Gesundheitswissenschaften des Sport an der Universität Bayreuth, beschreibt die gesundheitlichen Folgen der sozialer Isolation und gibt Bewegungs-Tipps für Menschen jeden Alters.


Prof. Dr. Susanne Tittlbach hat an der Universität Bayreuth den Lehrstuhl Sportwissenschaft III - Sozial- und Gesundheitswissenschaften des Sports inne. Sie ist maßgeblich an der Entwicklung des Programms "Smart Moving" beteiligt, das den Studienalltag bewegter und gesünder gestaltet. Im Interview auf der Homepage der Universität Bayreuth analysiert sie, welche Folgen die soziale Isolation zuhause auf die Gesundheit haben kann und gibt Tipps, wie Menschen jeden Alters dennoch in Bewegung bleiben können. Schüler bleiben bis auf Weiteres zuhause, es fühlt sich wie "Ausgangssperre" an. 

Wie bekomme ich mein Kind weg vom Handy?

Prof. Dr. Susanne Tittlbach: Jede noch so kleine Bewegung ist gut und sinnvoll! Die Wohngegebenheiten und das Alter der Kinder spielen natürlich eine große Rolle. Wenn ein Garten vorhanden ist, sollten die Kinder möglichst viel im Garten sein, da dort mehr Platz ist, um sich wirklich auszutoben, zum Rennen, Hüpfen und Ballspielen. Ist kein Garten da, in der Wohnung erfinderisch und kreativ werden. Und immer wieder aufstehen und sich Vorgaben dazu machen: z.B. Schularbeiten im Sitzen, Lesen im Stehen in einem anderen Raum, beim Fernsehen hüpfen etc. Und warum nicht mit digitalen Medien verknüpfen?

Wie?


Prof. Dr. Susanne Tittlbach: Eltern sollten diese Medien nicht als "Feind" sehen, sondern auch dafür nutzen, um die Attraktivität von Bewegung mit Medien zu erhöhen. Also, dem Kind vielleicht den eigenen Fitness-Tracker umbinden und die Aufgabe stellen, auf 1.000 Schritte zu kommen. Oder eine Challenge dazu veranstalten: Schafft der Papa oder das Kind den Tag über mehr Schritte in der Wohnung? Ein Wochenplan am Kühlschrank, um jeden Tag die Schritte zu dokumentieren, motiviert zusätzlich. Für jüngere Kinder eignen sich Tanzspiele und Apps mit Spielideen. Insgesamt gilt bei jüngeren Kindern, dass der Spielcharakter möglichst hoch sein sollte.


Und bei Teenagern?

Prof. Dr. Susanne Tittlbach: Mit einem funktionalen Training via App kann man Kinder sicherlich wesentlich weniger motivieren, ältere Kinder und Jugendliche aber schon, deren Bewegungsmotiv oft auf Figurformung und Muskelzuwachs liegt. Für ein solches Programm zuhause gibt es hervorragende Übungen mit dem eigenen Körpergewicht. Ansonsten brauche ich eigentlich nur eine Matte oder einen Teppich und Übungsanleitungen, die sich in einer Vielzahl im Netz finden.


Was können Sie Schülern und Studierenden empfehlen, die in der Unterrichts- bzw. Vorlesungspause zwangsweise mehr zuhause lernen müssen?

Prof. Dr. Susanne Tittlbach: Im Projekt Smart Moving, das auf eine Bewegungserhöhung und Sitzverringerung von Studierenden abzielt und das die Uni Bayreuth in Kooperation mit dem Kompetenzzentrum Ernährung (KErn), der Universität Regensburg und der Techniker Krankenkasse durchführt, wurden am Bayreuther und am Regensburger Campus Ideen für mehr Bewegung und weniger Sitzen entwickelt. Die Videos, die in diesem Zusammenhang entstanden, können in der aktuellen Situation Studierende beim Lernen zuhause, aber auch Schülern und Erwachsenen helfen, Sitzzeiten zu minimieren.


Was mache ich als älterer Mensch?

Prof. Dr. Susanne Tittlbach: Solange Spaziergänge, die Menschen alleine durchführen, noch zulässig sind, sollten ältere Menschen diese Möglichkeit auch nutzen. Spaziergehen stellt quasi ein Ganzkörpertraining dar, das sowohl Ausdauer, Kraft als auch Koordination anspricht. Das ist sehr sinnvoll. Wenn Spaziergänge nicht mehr erlaubt sein sollten oder die ältere Person unter Quarantäne steht: Frischluft auf dem Balkon oder am offenen Fenster genießen. Und auch hier gibt es Übungen: Wer noch gut stehen kann, kann sich am Fensterrahmen festhalten und kleinere gymnastische Übungen durchführen, z.B. Gewichtsverlagerung von einem Bein auf das andere, leichte Kniebeugen, ein Bein abspreizen und hochziehen mit Beinwechsel, beide Beine fest auf dem Boden und den Oberkörper langsam nach rechts und links rotieren. Jeder macht so viel, wie die eigenen Kräfte erlauben – auch kleinste Bewegungen sind sinnvoll! Oder im Sitzen: Fahrradfahren oder gestreckte Beine überkreuzen. Möglichst oft die Position ändern, auch mal stehen, beim Telefonieren auf und ab gehen, etc. Auch das bringt den Kreislauf in Schwung und aktiviert!


Wenn die Menschen nun wochenlang zuhause bleiben, befürchten Sie dann Folgen, z.B. eine "Adipositas-Epidemie"?

Prof. Dr. Susanne Tittlbach: Eigentlich haben wir schon eine "Adipositas-Epidemie" in unserer Gesellschaft bzw. eine "Adipositas-Pandemie" weltweit. Der Unterschied zur aktuellen Pandemie ist nur, dass die Erkrankung nicht übertragbar im Sinne einer Virusinfektion ist. Ansteckend sind Adipositas, Diabetes und Co nicht, dennoch sind sie für eine Vielzahl an Todesfällen weltweit verantwortlich. Das geht oft etwas unter, weil es im ersten Moment nicht so bedrohlich wirkt, wie das nun beim Virus der Fall ist. Für die Adipositas-Rate in der Gesellschaft ist das Bewegungsverhalten aber nicht alleine ausschlaggebend, sondern ebenso das Ernährungsverhalten. Wichtig wäre daher aus meiner Sicht, dass den Menschen auch klargemacht wird, wie wichtig gerade jetzt ausgewogene, gesunde Ernährung ist, um gesundheitliche Folgen des Lock-Ins möglichst zu verringern.


Was konkret befürchten Sie?

Prof. Dr. Susanne Tittlbach: Je länger der Lock-In dauert, desto größer wird die Gefahr, dass sich die Verhaltensweisen von Personen (noch mehr) in die inaktive Richtung verändern. Wir wissen aus Studien, dass der Aufbau einer Verhaltensänderung zu mehr Bewegung, zu gesünderem Essen, Raucherentwöhnung etc. ein sehr langer, intensiver Prozess ist und dass die schwierigen Phasen (auch psychologisch gesehen) am Anfang der Verhaltensumstellung liegen. Eine Person, die es gerade erst geschafft hat, das wöchentliche Fitness-Training fest in ihren Wochenablauf zu integrieren, eine soziale Gruppe gefunden hat, in der sie sich beim Training wohlfühlt, wird große Mühe haben, das Ganze nach dem Lock-In zu reaktivieren. Zu befürchten ist daher eine noch größere Drop-Out Rate aus Bewegungsprogrammen (z.B. von den Krankenkassen, Fitness-Studios, Sportvereinen), auch nach Wiederöffnung unseres sozialen Lebens.


Sie beschäftigen sich mit den "Sozialwissenschaften des Sports": Was kann ein "Lock-In" sozial bedeuten?

Prof. Dr. Susanne Tittlbach: Interessant ist ja, dass man erst dann bemerkt, was man an einer Sache hat, was diese Sache einem gibt, wenn man sie plötzlich nicht mehr hat. So wird das den Menschen auch bezüglich des Aussetzens der Spitzensportwettkämpfe, aber auch der breitensportlichen Trainingsgruppen gehen. Die sozialen Funktionen des Sports, auch im Hinblick auf Integration und Inklusion, gehen für die Zeit des Lock-Ins verloren. Soziale Kontakte werden daher fehlen – insbesondere für die Personen, die alleine leben und keine familiären Kontaktmöglichkeiten haben. Sport ist für viele Menschen, ob aktiv oder inaktiv als Zuschauer, ein Ort sozialer Beziehungen. Die identitätsstiftenden Prozesse für Aktive oder für inaktive Zuschauer und Fans des Sports sind immens, das fehlt nun. Sich als Teil der Trainingsgruppe zu fühlen, geht nur so richtig beim Training. Sich als Teil der Fangruppe einer bekannten Fußballmannschaft zu fühlen, geht am besten als Zuschauer im Stadion, im Vereinsheim oder beim Public Viewing – immer im sozialen Kontext. Meiner Ansicht nach wird der Sport diese Bedeutung aber auch angesichts COVID19 nicht verlieren. Das wird sich wieder reaktivieren lassen.


Link:
https://www.in-form.de/in-form/experten/corona-krise-gesundheit-sport/


Rekordförderung für Sachsens Sport 

Sächsische Zeitung 21.12.20 

52 Millionen Euro stehen in den nächsten zwei Jahren für den Landessportbund und seine Vereine zur Verfügung. Auch das Ehrenamt wird besser bezahlt. Auf Abstand präsentieren Innenminister Roland Wöller (links) und Landessportbund-Präsident Ulrich Franzen den mit Abstand besten Zuwendungsvertrag, den der sächsische Sport nun erhält. 

Dresden. Der Punkt geht an Sachsens Innenminister Roland Wöller. Zuletzt hat der CDU-Politiker, dessen Ressort auch den Sport im Freistaat verantwortet, selten glänzen können. Eine Affäre, wie es in solchen Fällen häufig heißt, reihte sich an die andere. Es ging um Fahrräder bei der Polizei in Leipzig, um die Querdenken-Demo in der Stadt und die prinzipielle Verfasstheit des sächsischen Verfassungsschutzes – alles vermeintliche Kernkompetenzen. Der Sport, nun ja, gehört nicht unbedingt dazu, doch hier hat Wöller jetzt mehr als nur Wort gehalten.


Demnach wird Sachsens Sport in den nächsten zwei Jahren mit der Rekordsumme von 52 Millionen Euro gefördert, das sind 3,8 Millionen mehr als im vergangenen Doppelhaushalt. Noch muss der Landtag im Mai 2021 zustimmen, was als Formsache gilt. Den Zuwendungsvertrag haben Wöller und Ulrich Franzen, Präsident des Landessportbundes, am Montag in Dresden unterzeichnet. „Die Erhöhung der Mittel ist ein starkes Zeichen der Staatsregierung“, sagt Franzen und spricht von Planungssicherheit für die nächsten zwei Jahre.

Wöller betont, dass in diesen Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung vom Sport die Kraft des Zusammenhalts ausgehe. „Mit dem Zuwendungsvertrag setzen wir gemeinsam mit dem Landessportbund Sachsen die positive Entwicklung des organisierten Sports im Freistaat Sachsen fort“, sagt der Minister. 

Schon in seiner Fachregierungserklärung Ende September hatte er gefordert, dass die bisherigen finanziellen Mittel das Mindeste seien. Und er kündigte als „mein persönliches Ziel und das der Staatsregierung“ an, die Übungsleiterpauschale für die 82.500 Ehrenamtlichen im Sport zu erhöhen. Auch das ist nun beschlossene Sache. Statt bisher 350 Euro gibt es 2021 zunächst 440 Euro und im Jahr darauf 480 Euro.


Mehr Geld in der Krise für den Sport

Gerade die kleinen Vereine haben jetzt zu kämpfen. Doch einen Plan, wie sie die Pandemie überstehen können, gibt es schon. Nun muss die Politik entscheiden.


Mit den Geldern, die zu 95 Prozent an Vereine, Kreis- und Stadtsportbünde sowie Landesfachverbände gehen, werden sowohl Breiten- als auch Leistungssport gefördert. Dazu gehören die Sichtung und Unterstützung von Talenten sowie die Anschaffung von Großsportgeräten. 1,1 Millionen Euro erhält der Landessportbund, der 675.000 Mitglieder in rund 4.500 Vereinen vertritt.

Link: https://www.saechsische.de/sachsen/rekordfoerderung-fuer-sachsens-sport-innenminister-woeller-landessportbund-lsb-frantzen-5344420.html

Weil Sie »Bewegung an frischer Luft - jetzt besonders wichtig« gesehen haben. 18.12.20 ARD Mediathek / Prof. Dr. Kuno Hottenrott


Angst ist ein schlechter Ratgeber, Vorsicht ein guter 

Oberlausitzer Kurier 15.12.20


Sicher hat nicht jeder eine Boulder-Wand in seiner Wohnung, aber körperliche Betätigung ist gerade in dieser Zeit wichtig.

Der Kamenzer Bewegungstrainer Tobias Jantsch vermisst bei den Corona-Regeln und ihrer Kommunikation wichtige Aspekte.

Kamenz. Tobias Jantsch ist in Kamenz und Umgebung, aber auch darüber hinaus als erfolgreicher Unternehmer und Bewegungslehrer bekannt. In mehreren Leserbriefen an den Oberlausitzer Kurier hat er die Strategie der Bundesregierung in der gegenwärtigen Corona-Pandemie kritisiert. Unser Redakteur Uwe Menschner wollte etwas mehr über die Hintergründe erfahren und sprach deshalb persönlich mit ihm.

Herr Jantsch, sie haben in mehreren Leserbriefen an unsere Zeitung die einseitige Ausrichtung der Kommunikation auf die Einhaltung der AHA-Regeln und der Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen kritisiert. Was bleibt dabei Ihrer Ansicht nach unbeachtet?

Was mir fehlt, sind Aufklärung und aktive Prävention. Dass wir diese Regeln und Beschränkungen brauchen, bestreite ich nicht. Doch mindestens genauso wichtig ist es, dass die Menschen ihr Immunsystem stärken – das würde die Ärzte und das Pflegepersonal am Meisten entlasten. Diese Aufklärung wünsche ich mir von der Bundesregierung, denn sie bringt mehr, als Angst zu schüren.

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Ist es denn aber nicht richtig, die Menschen zur Vorsicht und zur Einhaltung der Regeln zu mahnen?

Natürlich, aber man darf Vorsicht nicht mit Angst gleichsetzen. Angst ist immer ein schlechter Ratgeber, Vorsicht dagegen ein guter. Ich finde es falsch, die Menschen dazu aufzufordern, zu Hause herumzusitzen und gar nichts zu tun, wie es die Bundesregierung in ihrer Videokampagne macht. Denn gerade das hat fatale Auswirkungen auf unser Immunsystem, ja auf unsere gesamte Gesundheit. 

Könnten Sie das bitte ein wenig ausführlicher erläutern?

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Die Muskulatur ist der Stimulus aller unserer Organsysteme. Wenn wir alle nur noch zu Hause herumsitzen, wird sich die Homöostase, also unser biochemisches Gleichgewicht im Körper, an die reduzierte Bewegung anpassen. Folglich schalten alle Organsysteme einen Gang runter und werden anfälliger für Störungen. Warum? Weil unser Körper rational arbeitet, der hält nur das am Laufen, was wir stetig gebrauchen und nutzen. Mit der Aufforderung, auf die Bewegung im Freien zu verzichten, wird also genau das Gegenteil von dem gewünschten Resultat erreicht. Wichtig ist es dabei, sich Reiz gebend zu bewegen.

Was genau meinen Sie damit?

Die Bewegung sollte abwechslungsreich sein, ständig neue Reize schaffen. Man kann zum Beispiel einen Berg zügig hoch und langsam wieder herunter laufen. Man kann beim Radfahren zwischendurch auch mal ein Stück gehen und schieben. Man sollte der Alltagsbewegung entgegenwirken. Wer viel sitzt, sollte die Oberschenkel ausgiebig dehnen. Wichtig ist, nicht immer nur dasselbe auf die gleiche Weise zu tun.


Sie weisen auch auf die Notwendigkeit hin, noch besser auf die Ernährung zu achten.

Genau! Kaum jemand spricht davon, dass 80 Prozent unseres Immunsystems über den Darm beeinflusst werden. Ich habe in dieser Zeit noch nirgends gelesen: ’Liebe Bürger, bitte esst ausgewogen, bewegt euch reizgebend und achtet auf einen ausreichend gedeckten Vitamin- und Mineralstoff-Haushalt!’ Das gilt besonders jetzt im Winter, wo ich empfehle, auf regionale und saisonale Kost zu achten. Wintergemüse wie Kohl oder Kohlrabi sind den importierten Südfrüchten vorzuziehen und haben auch noch den Effekt, die einheimischen Bauern und Gärtner zu unterstützen. Und auch im Winter ist es wichtig, ausreichend zu trinken.


Eine Ihrer Thesen lautet: Gesundheit beginnt im Kopf.

Die Menschen geben viel zu oft die Verantwortung für sich selbst an andere ab. Viele von uns haben es verlernt, sich mit der eigenen Gesundheit zu beschäftigen und laufen jetzt Gefahr, sich in der geschürten Angst zu verlieren. Das ständige Desinfizieren der Hände birgt zum Beispiel die Gefahr, den natürlichen Schutz der Haut zu zerstören. Besser ist es, die Hände zum Ausgleich auch mal mit Seife zu waschen, also ein basisches Milieu zu schaffen. In der gegenwärtigen Situation, in der die Politik immer neue Regelungen und Vorschriften erlässt, sehe ich die Gefahr, dass auch die Wohlmeinenden irgendwann sagen: Was sollen wir denn noch alles tun? Besser wäre es, den Menschen nahe zu bringen, wie man sein eigenes Immunsystem und damit die eigene Gesundheit stärken kann. 


Welche Defizite sehen sie noch?

Auch wenn unsere Regierung es gut meinen möge, so bestraft sie die Bürgerinnen und Bürger mit dem aktuellen Maßnahmenkatalog, weil über Jahre hinweg das Gesundheitssystem und der Katastrophenschutz vernachlässigt wurden. Warum wurden unsere Medizinstudenten über den Sommer nicht an den Beatmungsgeräten angelernt? Damit hätten wir unserem überlasteten Medizinpersonal tatsächlich geholfen. 

Unser Gesprächspartner: Tobias Jantsch, Geburtsjahr 1983, saß nach einem Unfall mit der Diagnose, nie wieder gehen zu können, im Rollstuhl. Nach „einem Jahr Hadern“, wie er selbst sagt, bemerkte er, dass die Beweglichkeit zurückkam und arbeitete intensiv daran. Erst las er Bücher über das Thema, dann schrieb er sie selber. Fünfeinhalb Jahre nach der Diagnose absolvierte er wieder einen Triathlon. 
Vor sieben Jahren gründete Tobias Jantsch, „ohne einen Cent in der Tasche“, das La Vida Zentrum für Gelenk- und Wirbelsäulenrekonditionierung, das nach einem selbst entwickelten Trainingskonzept arbeitet. Heute hat das Zentrum sechs Mitarbeiter an zwei Standorten (Kamenz und Dresden), die Kunden kommen aus der ganzen Welt

 
Uwe Menschner / 15.12.2020

Link: https://www.alles-lausitz.de/angst-ist-ein-schlechter-ratgeber-vorsicht-ein-guter.html


«Reale Gefahr»: DOSB sieht große Teile des Sports bedroht

Welt 05.12.20

   

 Sieht den organisierten Sport durch die Folgen der Corona-Pandemie existenziell bedroht: Alfons Hörmann. Foto: picture alliance / dpa
Quelle: dpa-infocom GmbH
 Der Deutsche Olympische Sportbund hat auf der Mitgliederversammlung vor großen Schäden für den Sport durch die Corona-Pandemie gewarnt. Gleichzeitig ging es um Zukunftsfragen wie eine Strategie für Sportgroßveranstaltungen - mit dem gewünschten Ziel Olympia.

Frankfurt/Main (dpa) - Der deutsche Sport fürchtet großen Schaden durch die Corona-Pandemie zu erleiden, kann sich aber auf die Hilfe des Staates verlassen.

«Es besteht die reale Gefahr, dass wir Sportdeutschland nach der Krise deutlich geschwächt vorfinden», sagte DOSB-Präsident Alfons Hörmann auf der digitalen Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes und wies den Vorwurf der Schwarzmalerei zurück: «Wer meint, dass dies zu negativ dargestellt ist, kann ich empfehlen: Gehen sie an die Basis.»

Die Pandemie bedrohe große Teile des Sports und seine Existenz. Ergebnisse von Umfragen des DOSB bei den Mitgliedsorganisationen hätten «alarmierende Ergebnisse» erbracht. Danach gingen die Hälfte der Verbände bei einer unveränderten Corona-Lage bis Jahresende 2021 davon aus, in eine «existenziell gefährdende Situation» kommen zu können, sagte Hörmann. «Die Auswirkungen gehen aber weit über die finanziellen Schäden hinaus», so Hörmann. 90 Prozent der Verbände gingen davon aus, dass sie Angebote einschränken müssten, Mitglieder verlieren oder weniger Teams zu Wettkämpfen schicken können.

«Wir befinden uns aktuell in einer sehr schwierigen Phase. Die Schwierigkeiten sind größer als beim ersten Lockdown», sagte Hörmann. «Erneut tragen wir den Beschluss von Bund und Ländern grundsätzlich solidarisch mit, trotz der negativen Effekte für den Sport. Es fällt uns nicht leicht.»
Der Sport habe für die Herausforderung schnelle Antworten wie umfassende Hygienekonzepte gefunden. «Der Sport ist kein wesentlicher Infektionstreiber», unterstrich Hörmann und appellierte an die Politik: «Deshalb agieren Sie mit Augenmaß, erkennen Sie und diskutieren Sie mit uns, wo der Sport ein Teil der Lösung sein kann.»
Das Bundesinnenministerium hat dem deutschen Sport in der Corona-Krise weiter Unterstützung zugesagt. «Wir tun alles dafür, dem Sport sehr engagiert unter die Arme zu greifen, wenn es darum geht, mit der Corona-Pandemie zurechtzukommen», sagte Stephan Mayer, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium.

Für 2021 würden die staatlichen Fördermittel erneut erhöht werden und vorbehaltlich der Verabschiedung des Haushaltes durch den Bundestag in der kommenden Woche auf 291 Millionen Euro ansteigen. «Man kann sagen: Im kommenden Jahr werden wir wieder einen Rekordhaushalt haben», sagte der CSU-Politiker. Für 2020 hatte der Bund dem Sport 279 Millionen Euro zugesagt. «Plus den vorgesehenen Corona-Hilfen stellt der Bund dem Sport rund 600 Millionen Euro unmittelbar zur Verfügung», sagte Mayer. «Das kann sich sehen lassen.» Jeden materiellen Verlust könne der Bund aber nicht kompensieren.

Auch der «Goldene Plan» zur Sanierung und Modernisierung der Sportstätten in Deutschland sei in der Pandemie nicht gestoppt worden. «Wir haben das versprochen und Wort gehalten», sagte Mayer. Für 2021 seien dafür 150 Millionen Euro bewilligt worden, bis 2024 sollen 490 Millionen hinzu kommen.
Eine «Strategie für Sportgroßveranstaltungen» soll Deutschlands Position als Veranstaltungs-Weltmeister strategisch stärken. «Der deutsche Sport braucht keine Nachhilfe, wie Sportveranstaltungen durchgeführt werden, sondern wir wollen, was gut gemacht wurde, verbessern und mit der Politik zu einem positiven Ziel führen», sagte DOSB-Vizepräsident Kaweh Niroomand.

Dass am Ende die Akquirierung der Olympischen Spiele stehen könnte, ist kein explizites, aber gewünschtes Ziel. «Vielleicht steht am Ende der Strategie die erfolgreiche Bewerbung um die Paralympischen und Olympischen Spiele. Das ist kein Muss, sondern eine Möglichkeit», meinte der CSU-Politiker. Die Umsetzungsphase der Strategie für Sportgroßveranstaltungen soll 2021 beginnen.

Link: https://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/sport_nt/article221852958/Reale-Gefahr-DOSB-sieht-grosse-Teile-des-Sports-bedroht.html

Sport in der Coronakrise: Vergrößert der "Lockdown"die Risikogruppe?

17.11.20

Sport ist in der aktuellen Corona-Situation nur sehr eingeschränkt möglich. Das könnte langfristig auch Folgen für die Gesundheit der Menschen haben, warnt ein Experte. Die Regierung versucht es derweil mit Ironie.


Der Newsletter des Kreissportbund Bautzen e.V. Sonderausgabe 49. KW 2020

Themen dieser Ausgabe:
-          Aktuelles vom Kreissportbund (u.a. Regionalkonferenz digital)
-          Vorgaben und Vorschriften zu Sport und Corona (Wo und wie darf ich Sporttreiben)
-          Corona-Vereinsrecht
-          Corona und Sport aus ärztlicher Sicht

https://www.sportbund-bautzen.de/wp-content/uploads/2020/12/NL_S-Corona-20.pdf